Warum ich mich für Zeesboote interessiere?


Als ich Mitte der achtziger Jahre meine Dienstzeit bei der Marine absolvierte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal - wegen einer "Strolsunner Diern" - ganz an der Küste hängen bleiben würde.

Mit der Ostsee durch viele Urlaube bereits eng verbunden, eröffnete sich mir jetzt noch ein völlig anderes Gesicht, von welchem die meisten Badeurlauber nur wenig Notiz nehmen – die Boddenlandschaft. Bei meinen ersten Blicken auf Seekarten konnte ich mir nicht sehr viel vorstellen, unter den von Land und Nehrungen eingeschlossenen, sogenannten inneren Seegewässern.

„Wie tief sind diese Gewässer...?“ - „Was fahren für Schiffe dort...?" - "Was für Häfen gibt es...?“ und „Wie sind die Ufer beschaffen...?“

Bei guter Fernsicht sah es vom Strelasund so aus, als ob Bäume im Wasser stünden und das Hochland einer Insel ragte hervor. Wenn man durch die Zwischenräume sah, konnte man weiter draußen größere Schiffe erkennen.

Fragen über Fragen...

Bild 1: Ehem. Miteigner - Hajo Seyfried - an Bord des RümdriwersAll dies galt es nach der Zeit bei der Marine, inzwischen in Rostock lebend, zu erkunden. Mittlerweile ist die Insel, deren Hochland ich damals sah, unser Lieblingsdomizil im Sommer - unsere geliebte Insel Hiddensee. Hier bekam ich Anfang der 90er Jahre, in der kleinen Inselbuchhandlung in Kloster, das Buch „ZEESENBOOTE“ von Hermann Winkler in die Hände. Von diesen Booten hatte ich auf dem Bodden, insbesondere bei unseren Wochenendausflügen zum Fischland und auf den Darß, schon viele gesehen. Mich begeisterte, wie sich Material, Form und Farbe dieser Segler in das Landschaftsbild einfügen, so als ob sie ganz natürlich dazu gehören würden. Ich erzählte meinem Freund Hajo Seyfried von dem Buch und staunte nicht schlecht, als er zu seinem Bücherregal ging, eben dieses Buch heraus zog und mir darin die Fotos eines Zeesbootes zeigte, welches er in den siebziger Jahren einmal selbst segelte. Es war die "Dwarsdriwer" (FZ 21), das ehemalige Rundgattboot des Stralsunder Fischers Alfred Hübner.

Ich fragte mich schon ob es Zufall ist, dass ich mich für eine bestimmte Sache zu interessieren beginne und Menschen aus meinem direkten Umfeld dabei die Weichen stellen. Hajo setzte noch einen drauf. Beim Grillen an der Warnow legten wir spontan fest, dass wir am nächsten Tag nach Peenemünde fahren wollten. Er kenne dort eine Stelle, wo man gut auf Hecht angeln könne..."

Gesagt, getan... Als Highlight unserer Angeltour stellte Hajo mir dann die Familie Liebetrau vor. Ich erfuhr, die Liebetrau´s sind stolze Besitzer eines der ältesten erhaltenen Zeesboote, der "Rümdriwer" (FZ 22) mit Baujahr 1882.

Die beiden Freunde segelten die "Rümdriwer", welche sie Anfang der siebziger Jahre in Bodstedt von der Fischerfamilie Bauer erstanden hatten einmal zusammen, bevor sich ihre beruflichen Wege trennten. An diesem Tag gab es dann sogar noch einen kleinen Törn hinüber nach Kröslin und ein Stück bis zur Peenemündung hinauf.

Meine erste Fahrt mit einem Zeesboot...

Bild: 2-3 Ausfahrt auf dem "Rümdriwer" mit Familie Liebetrau

Nun war ich nicht mehr zu bremsen. Mein Interesse stieg beträchtlich. Ich fing an, mir sämtliche verfügbare Literatur über Zeesboote zuzulegen und alles über die Boote zu sammeln.

Die Zeesbootregatta in Bodstedt gehörte natürlich ebenfalls zum Programm. Am liebsten wäre ich auch gleich „Zeesbootsegler“ geworden. Aber meine Frau, die aus Ihrer Kindheit in Stralsund die Arbeit am familieneigenen Holzboot kannte, bremste die Anfangseuphorie erst einmal aus...

Mittlerweile stehen Zeesboote in meiner Freizeit an erster Stelle. Ich habe dafür andere Hobbys, die ich früher sehr intensiv betrieben habe, zurückgestellt. Von 2006-2011 beteiligte ich mich, aus Interesse am traditionellen Holzbootsbau, an der Überholung eines Zeesbootes.

Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht irgend etwas tue oder denke, was mit den Zeesbooten zu tun hat. Wenn ich auf solch einem Boot stehe, fühle ich mich in die "Gute alte Zeit" zurückversetzt. Ich denke daran, wie das Fahrzeug früher einmal ausgesehen haben mag, wie es genutzt wurde und wer die Fischer waren. Daher ist es mir auch so wichtig, die Geschichte der einzelnen Boote aufzuschreiben. Man staunt, was es hier noch alles zu erfahren gibt.

Und "wie es der Zufall so wollte", hatten meine Frau und ich zwischen 2011 und 2014 die Gelegenheit, Hajo's ehemaliges Boot zu segeln.

Bild: 3-4 Mit Heike auf FZ21 "Johanna" der ehem. "Dwarsdriwer" von Hajo Seyfried

Als ich im Jahr 2012 von der Möglichkeit erfuhr, ein überholungsbedürftiges ehemaliges Stralsunder Boot von Flensburg zurück in die alte Heimat zu holen, meldete ich ernsthaftes Interesse an und erhielt den Zuschlag. Zum Glück war mir der Zustand des Fahrzeuges, der erst "auf den zweiten Blick" augenscheinlich wurde, nicht bekannt - sonst hätte ich mich mit Sicherheit nicht auf dieses Abenteuer eingelassen.

Nach der Überführung des Bootes, im Oktober 2013, habe ich 12 Monate lang jede freie Minute auf der Werft-Rammin in Barth verbracht und mich mit ca. 1000 Std. Eigenleistung an der Generalüberholung des Bootes beteiligt. So habe ich praktisch jeden Winkel des Rumpfes kennenlernt. Auch dadurch, dass ich zusätzlich die Freundschaft des ehem. Bootseigners und Fischers Erwin Kagelmacher gewinnen konnte, bin ich mit dem Fahrzeug schnell verwachsen. Erwin (damals 85 Jahre) sagte: "Du musst eine Beziehung zu solch einem Boot aufbauen, musst auch mal mit ihm reden und mit der Hand darüber streichen. Das muss ja nicht unbedingt jemand sehen...".

Ziel war es, mit dem Boot im Jahr 2014 an der 50. Großen Bodstedter Jubiläumsregatta teilzunehmen. Einen Tag vor der Regatta konnte FZ 110 "Fortuna" dann aufgeriggt werden. Und so hat sich die Geschichte letztendlich genau so entwickelt, wie ich es mir schon Anfang der 1990er Jahre insgeheim gewünscht hatte. Große Wünsche dauern eben manchmal etwas länger...



Uwe Grünberg - FZ 110 "Fortuna"

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